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Hintergrundinfo

"ICH FÜHLE MICH GUT"
Konsumentenmacht als Lebensstil. VON SVEN SIEDENBERG

Aber klar doch, liebe Weltverbesserer, aber klar stammt das Hemd, das ich morgens aus dem Schrank hervorwühle und über meinen Oberkörper streife, von "American Apparel", jener smarten T-Shirt-Kette, die mit modischen Öko-Textilien aus ethisch korrekter Fertigung nun auch den deutschen Markt erobert.Und die Hose, in die ich meinen Unterkörper kleide, wurde weder mit Pestiziden noch mit Kunstdünger oder Entlaubungsmitteln verseucht und auch nicht von Kinderarbeiterhänden zusammengenäht. Es ist eine giftfreie Jeans aus Bio-Baumwolle mit Kokosschalenknöpfen, entworfen von Stylisten aus dem Hause Levi's. Jetzt noch schnell die coolen Naturkautschuksneaker von Veja angezogen und die fesche Trainingsjacke von Misericordia übergeworfen - auf dass der Weltverbesserer-Geist, der all diesen Designerklamotten innewohnt, sogleich in meinen Ober- und Unterkörper und auch in meine Zehenspitzen fahre. Und siehe da: Schon nach wenigen Schritten merke ich, wie die schönen neuen Öko-Marken ihr Versprechen einlösen und die Oberfläche mit dem Innenleben versöhnen: Ich fühle mich gut! Mit einem guten Erste-Welt-Gewissen nippe ich dann an meinem fair gehandelten Kaffee und zünde mir eine ebenfalls fair gehandelte Zigarre an, woraufhin sich die schlechten Nachrichten aus dem Morgentelegramm quasi in Luft auflösen.

ICH BIN EIN "LOHAS". Ein konsumfreudiger Genussmensch, der - im Gegensatz zu den karrierebewussten Yuppies und profitorientierten Dinkies - die Umwelt schont. Erfunden haben mich die Marktforscher, die mir das Etikett "Lifestyle of Health and Sustainability" verpasst haben und dafür sorgen, dass die bunten Zeitgeistmagazine regelmäßig über mich berichten. Weil ich kaufkräftig bin und gerne shoppe, mal direkt beim Erzeuger, dann wieder in Konsumtempeln mit Wohlfühlatmosphäre, behaupten böse Zungen zwar, ich würde nur mein Ego pflegen. Aber das stimmt nicht. Ich glaube nur fest an die Macht des Einkaufswagens. Durch richtiges Einkaufen kann man nämlich den Raubtierkapitalismus zähmen, nicht durch hektischen Aktivismus oder lustfeindliche Askese. Je mehr ich davon höre, wie Futtermittel hergestellt und Kakao gepflückt, Fische gefangen, Handtaschen genäht oder Energieressourcen ausgebeutet werden, desto kritischer prüfe ich Siegel und Zertifikate, desto mehr achte ich auf die sozialen und ökologischen Folgen meiner Kaufentscheidung. Über die Verquickungen von Welthandel und Billiglöhnen, Energieverbrauch und Klimawandel, Chemie und Allergien bin ich bestens informiert, schließlich kann ich nicht den ganzen Tag energiesparende Halogenlampen gegen Glühbirnen austauschen oder tropfende Wasserhähne zudrehen, und immer nur im Manufaktum-Katalog herumblättern, wird irgendwann auch ziemlich öde.

DASS MAN MICH "ÖKOBOHEME" NENNT und ich zum Trendsetter aufsteigen konnte, liegt auch an der Strahlkraft meiner Vorbilder. Neinnein, nicht an den Großeltern, die einst in Gesundheitslatschen gegen Atom-Kraftwerke demonstrierten, das Korn mit der Schrotmühle zerrieben, die selbstgesponnene Wolle mit Pflanzenfarben färbten, Brennesseltee tranken und ein spaßfreies, möglichst naturidentisches Leben führten. Meine Vorbilder heißen Cameron Diaz, die ein sparsames Hybrid-Auto fährt. Brad Pitt, der seine Häuser auf Solarenergie umgerüstet hat. Leonardo DiCaprio, der für den Regenwald kämpft. Oder Madonna, die sich Rosencreme von Dr. Hauschka ins Gesicht schmiert. Das tue ich auch, wegen der gesunden Inhaltsstoffe und damit ein bisschen Glamour auf mich abstrahlt. Und viele andere tun das ebenfalls, weshalb die Avantgarde nun Mainstream wird.

JA, MAN KANN SICH GLÜCKLICH SHOPPEN mit Ikea-Möbeln ohne Tropenholz, mit hormonfreiem Knochenschinken von Herrmannsdorfer, mit der roten Kreditkarte von American Express, bei der ein Prozent des Umsatzes an die Aidshilfe in Afrika geht. Andererseits spaltet sich meine Konsumentenseele beim Shoppen immer wieder in Supermarkt-Es, Supermarkt-Ich und SupermarktÜberich. Das Es will sich vollstopfen, egal womit. Das Überich möchte nach hohen moralischen Standards leben. Das Ich wiederum möchte es allen recht machen, auch dem Geldbeutel. Spätestens, wenn der Zahlbetrag im Kassendisplay leuchtet, ist klar: Ein gutes Gewissen gibt es nicht gratis. Und das ist gut so. Finde ich. Nach den "Lohas", so wispern die Zukunftsforscher, sollen übrigens die "Lovos" kommen. Die pflegen einen Lifestyle of voluntary Simplicity, das freiwillig einfache Leben. Also Verzicht statt Nachhaltigkeit? Da hätte ich dann aber ein richtig schlechtes Gewissen.

Quelle: Böll.Thema 1, 2007: Grüne Marktwirtschaft. Die große Transformation. Das Magazin der Heinrich-Böll-Stiftung können Sie hier bestellen.


 



 
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