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Hintergrundinfo

Bio nur noch beim Discounter?
Die Umsatzeinbrüche im Bio-Markt treffen vor allem die Kleinen - Gibt es Rettung?

Die Preiserhöhungen bei den Energiekosten, steigende Lebensmittelpreise und die Finanzkrise veranlassen viele Käufer zum Sparen. Oft bei Bio-Lebensmitteln, die zunehmend als Luxus empfunden werden. Oder das Bio-Bewusstsein paart sich mit Kostenbewusstsein und führt zum Discounter. Diesen Wandel spürt jetzt vor allem der Bio-Fachhandel mit sinkenden Umsätzen. Stehen bald die ersten Schließungen an und das, obwohl kein Lebensmittel Skandal die Schuld trägt?

Noch vor einiger Zeit herrschte im Bereich des Bio-Handels Goldgräber-Stimmung. Die Discounter Aldi und Lidl erkannten das Potenzial und kauften dem Fachhandel und den Erzeugern das Bio-Angebot an Obst, Gemüse und Milchprodukten weg, so dass sich die Preisspirale kräftig zu Lasten des Einzelhandels drehte. Namhafte Handelsriesen wie beispielsweise Edeka und Rewe gründeten eigene Marken und neue Ketten wie Alnatura, Erdkorn und Basic mit einem kompletten Angebot an Lebensmitteln in Bio-Qualität schossen, vor allem in den Großstädten, wie Pilze aus dem Boden.

Diese Entwicklung fraß bereits einige der Bio-Läden der ersten Generation. In Hamburg schlossen beispielsweise in Eppendorf und auch in Ottensen erste Geschäfte. Viele der neuen Kunden übertrugen ihre Ansprüche als Konsumenten auf den Bio-Handel. Die meisten der betroffenen Inhaber erkannten dies, mauserten sich erfolgreich von Überzeugungs"tätern" zu Bio-Unternehmern und reagierten mit Umzügen in größere Geschäfte, mit Ladenrenovierungen, mit besseren Öffnungszeiten oder mit einer Angebots-Spezialisierung auf den neuen Wettbewerb.

Doch nun dreht sich das Karussell der Bio-Anbieter ein zweites Mal, denn die Gewinnmargen sind rückläufig und bleiben gegen alle Prognosen unter denen vom Vorjahr zurück. Und je kleiner der Laden, desto geringer die Umsätze und Gewinne, berichtet das Fachblatt BioHandel in seiner Oktober-Ausgabe
(siehe Info).

Franz-Josef Lesker aus Stadtlohn bei Enschede rät seinen Kollegen im Bio-Einzelhandel, sich auf die Qualität der Produkte zu konzentrieren und einen Bogen um den Preiskampf zu machen, weil dieser nur zu verlieren sei. Und er hat recht: Die Bio-Supermarktkette Alnatura hat bereits im August auf die einbrechenden Gewinne reagiert, indem sie bei 120 Produkten die Preise senkte. "Sonst laufen die Kunden in den Discounter", begründet Managerin Dr. Manon Haccius die Preissenkungen. Doch das trifft die Gewinnesituation von Alnatura nur wenig, weil die Reduzierung an die Produzenten "weitergereicht" wird. Gleichzeitig zeigt Haccius mit ihrer Aussage aber auch, wo aus Sicht der Bio-Supermärkte die Konkurrenz auszumachen ist: nicht im Fachhandel, sondern bei den Discountern.

Roland Heine, Inhaber eines Naturkostladens in Wismar, meint angesichts der rückläufigen Umsätze kämpferisch in Richtung Einzelhandel: "Da hilft alles Klagen und Wehgeschrei nicht. Die Kunden wollen mehr als nur Bio. Bio gibt's mittlerweile überall und meist billiger als im Fachhandel. Der Fachhandel hat immer schon die neuen Trends gesetzt und muss das auch. Das können und wollen die Zweitverwerter nicht leisten. Also, wo sind die neuen Trends und Visionen der Bios und Ökos?"

Wie eine neue Vision klingt es nicht gerade, wenn der Bundesverband Naturkost Naturwaren (BNN) Herstellung und Handel e. V. aus Berlin laut "BioHandel" eine "Qualitätsoffensive im Naturkosthandel, mehr Kostendisziplin und ein Identifizieren von Strukturdefiziten auf allen Handelsstufen" für erforderlich hält, um den Umsatzrückgängen zu begegnen. Der Verband empfiehlt dem Einzelhandel "aktives Verkaufen". Das scheint der Weg zu sein, den viele Einzelhändler neben den bereits genannten Veränderungen gerade einschlagen. Denn sie meinen, dass gerade die neuen Kunden oftmals nur "Gelegenheitskunden" sind, die zu sehr nach dem Preis und weniger nach der Qualität, der Herkunft und dem Geschmack der Ware schauen. Sie wollen sich stattdessen auf den "ökophilen Gutverdiener" konzentrieren, mit dem der Bio-Boom schließlich einst begann. Doch ob das reichen wird, damit sich alle am Markt halten oder ob nicht doch neue Ideen oftmals das "Zünglein an der Waage" sein werden, ist im Moment noch offen.


Quelle: Verde 4/2008, S.18/19
Autor: G. Hauptmüller


Info
Das Umsatzplus im Fachhandel ist erstmals seit 2004 wieder einstellig. Im 2. Quartal 2008 errechnen sich bei Verkaufsflächen bis 200 qm Umsatzrückgänge bis -3,5%, bei Verkaufsflächen zwischen 200 und 400qm von -2,0 %, über 400 qm von -1,3 %. Fazit: mit wachsender Fläche nehmen die Verluste ab.

Quelle: BioHandel 10/08, S. 8f.