Hintergrundinfo

"Bio" erobert die Kleiderschränke
von Manuela Filz

Ökokleidung hing lange ein Kartoffelsack-Image an, das als plump und untragbar galt. Diese Zeiten haben sich geändert. Inzwischen haben sogar große Konzerne wie C&A und H&M erkannt, dass der Textilmarkt bereit für eine grüne Revolution ist.

Lange Zeit hatte Bio-Mode mit modischen Defiziten und mit Vorurteilen zu kämpfen. Das hat sich geändert: Ökologisch hergestellte Kleider und Pullover lassen sich im Schnitt nicht mehr von konventioneller Mode unterscheiden. Der Unterschied liegt in der Qualität der Rohstoffe aus ökologischem Landbau, sozialverträglichen Arbeitsbedingungen und fairem Handel.

Mittlerweile haben neben den Pionieren, wie hessnatur, auch konventionelle Textilriesen wie H&M und C&A Biobaumwolle für sich entdeckt. Das schwedische Modeunternehmen H&M hat vor einigen Jahren begonnen, Baumwolle aus biologischem Anbau einzusetzen. Seit 2003 ist der Konzern Mitglied des Organic Exchange Network, einer Organisation zur weltweiten Förderung des biologischen Baumwollanbaus. Nach eigenen Angaben nahm H&M 2005 dem Organic Exchange Network über 40 Tonnen Biobaumwolle ab, 2007 waren es 11.000 Tonnen. Die Bio-Linie für Frauen, Teens und Babies wird in gewohntem H&M-Design angeboten. Allerdings macht H&M selbst bei Produkten aus reiner Biobaumwolle die Einschränkung, dass nur 95 Prozent der Materialien aus ökologischem Landbau stammen.

Auch die Modekette C&A kooperiert mit dem Organic Exchange Network und setzt auf mehr Bio-Kleidung im Sortiment. Langfristig will der Textildiscounter konventionelle Baumwolle vollständig durch Bio-Fasern ersetzen. Im Jahr 2007 kaufte der Konzern 1.200 Tonnen Biobaumwolle aus der Türkei und aus Indien ein. C&A will im Rahmen seiner Umweltstrategie WE C &ARE in diesem Jahr den Anteil Biobaumwolle noch einmal erheblich steigern. Der Baumwoll-Anteil im Bio-Segment wird sich auf 12.000 Tonnen deutlich erhöhen, womit das Unternehmen zu den führenden Abnehmern von Biobaumwolle wird. Die mit WE C&ARE verbundenen Maßnahmen und Ziele umfassen nicht nur Bereiche wie 100 Prozent BioCotton und Produktsicherheit, sondern auch Verpackung, Recycling, grüne Energie, sowie nachhaltige Optimierung in Logistik und Transport. Erfreulich ist, dass Bio-Kleidung bei C&A für den Kunden erschwinglich bleibt und sich preislich nicht von konventioneller Kleidung unterscheidet, da der höhere Rohstoffpreis von Biobaumwolle nicht an die Kunden weitergegeben wird.

Die kontrolliert biologische Wirtschaftsweise ist noch recht jung. Die ersten Anbauvorhaben gab es Ende der 1980er Jahre in der Türkei. Mittlerweile wird in 22 Ländern, darunter Ägypten, Benin, Burkina Faso, Mali, Indien, Peru, Tansania, China und die USA, Baumwolle kontrolliert biologisch angebaut. Die Textilriesen wollen mit ihrem wachsenden Bio-Angebot dazu beitragen, dass Baumwollproduzenten auf biologischen Anbau umsteigen und der Anbau von Bio-Baumwolle weiterhin zunimmt. "Allerdings macht Bio trotz der beeindruckenden Zuwachsraten an Biobaumwolle nur unter einem halben Prozent weltweit an der Baumwollernte aus", sagt Dr. Kirsten Brodde. Die Umweltaktivistin und Buchautorin ist Textilexpertin und Aufklärerin in Sachen "Saubere Sachen". Bei ihren Recherchen für das Greenpeace-Magazin hat sie vor Ort gesehen, wie hart beim Kleidermachen gearbeitet wird und wie dreckig und giftig es dabei zugeht. Die Kleider laufen durch ein Bad von Chemikalien und schaden damit der Umwelt und der Gesundheit. Sie vertritt die Meinung, dass Mode durchaus sauber und sozialverträglich hergestellt werden kann und dann im doppelten Sinne tragbar ist. "Es gibt jede Menge Äcker, die auf Bio umgestellt werden können und die Kunden sind bereit für Bio-Cotton." Für Kirsten Brodde ist Kleidung vor allem dann tragbar, wenn sie nicht nur Bio, sondern auch fair ist. Die Rohstoffe sollten aus biologischem Anbau stammen, die Erzeuger fair bezahlt werden, die Verarbeitung mit ökologisch optimierten Chemikalien erfolgen und die Konfektion in Betrieben mit hohen Sozialstandards erfolgen.

Seit Herbst 2007 gibt es in Deutschland Textilien und Kosmetikprodukte mit Fairtrade-Baumwolle. Zurzeit sind mehr als 28.000 Baumwollproduzenten im Fairtrade-Register aktiv und die Zahl steigt weiter. Die Bauern und ihre Familien profitieren von den Fairtrade-Standards, die ihnen einen festen Mindestpreis und einen Fairtrade-Aufschlag garantieren. Denn Baumwolle wird nicht wie Kaffee an der Börse gehandelt. Die Preise sind von Land zu Land unterschiedlich und hängen stark von der Qualität der Baumwolle ab. Durch Subventionen der Industrieländer- allen voran die USA- kommt es zur Senkung der Baumwollpreise und die Bauern sind gezwungen ihre Ernte zu Dumpingpreisen zu verkaufen. Im Fairen Handel dagegen werden den Produzenten feste Mindestpreise gezahlt, die über den lokalen Martkpreisen liegen. Dadurch werden die Produktionskosten gedeckt und die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Produzenten deutlich verbessert. Zusätzlich wird auch eine Fairtrade-Prämie bezahlt, die gezielt für die Finanzierung sozialer Projekte eingesetzt wird. So werden zum Beispiel Schulen für die Kinder der Baumwollpflücker errichtet oder die ärztliche Versorgung verbessert. Die Baumwollproduktion ist die landwirtschaftliche Produktion mit dem höchsten Einsatz von Düngemitteln und Pestiziden. Allein auf Baumwolle entfallen etwa 25 Prozent der weltweit verwendeten Insektizide und elf Prozent der Pestizide. Zusätzlich ist der Wasserverbrauch bei der Baumwollproduktion enorm hoch: Für die Herstellung einer Jeans werden rund 8000 Liter Wasser benötigt. Der Einsatz von Düngemitteln und Pestiziden ist nicht nur gefährlich, sondern auch sehr kostspielig für die Bauern. Für die Anschaffung von Chemikalien müssen sie hohe Kredite aufnehmen, die über 50 Prozent der bäuerlichen Erlöse auffressen. Zudem sterben mehr als 20.000 Menschen jährlich an einer Pestizidvergiftung.

"Ich glaube, dass die Konsumenten viel weiter sind als die Unternehmen", meint Kirsten Brodde. "Es wäre schön, wenn wir einen Massenmarkt für faire Biobaumwolle hätten, denn die Folgen der konventionellen Baumwollproduktion sind immens. Einzige Forderung, die ich immer an die Biomode-Hersteller habe, ist, dass wir mehr brauchen als Bio-Baumwolle. Wie wäre es mit Bio-Leinen aus Flachs, Nessel oder Hanf? Bio-Baumwolle ist das Material der Stunde, aber im Kleiderschrank könnten noch mehr Fasern künftig eine Rolle spielen. Außerdem fehlt ein leicht erkennbares - weltweit gültiges - Logo, das den Kunden Sicherheit bietet." Doch Kirsten Brodde hat schon eine Idee: "Wie wäre es mit einer "Weißen Weste"?"

Literaturtipp:
Wie die Textilindustrie arbeitet, wie der ökonomische, ökologische und soziale Hintergrund unserer Kleidung aussieht und wo Verbraucher fair und nachhaltig produzierte Kleider finden, beschreibt Kirsten Brodde in ihrem Buch Saubere Sachen.