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"David gegen Goliath"
Interview mit dem kanadischen Genkritiker Percy Schmeiser

Der kanadische Landwirt Percy Schmeiser streitet seit mittlerweile zehn Jahren mit dem Gentechnikkonzern Monsanto vor Gericht. Vordergründig ging und geht dabei um Patentverletzung und Verunreinigung von Ernten. Auf dem Spiel steht aber auch die Frage, wem Pflanzen und andere Lebensformen gehören und wer die Zeche der Gentechnologie bezahlt. Percy Schmeiser hat im vergangenen Herbst den Rightlivelihood-Award, den so genannten Alternativen Nobelpreis, verliehen bekommen. Vom 4. bis zum 19. Januar war er in Deutschland auf einer Vortragsreise unterwegs.


Interview mit Percy Schmeiser

Percy Schmeiser hat im vergangenen Herbst den Right Livelihood Award, den sogenannten Alternativen Nobelpreis, verliehen bekommen. Vom 4. bis zum 19. Januar war er in Deutschland auf einer Vortragsreise unterwegs.


Herr Schmeiser, Sie sind vor kurzem 77 Jahre alt geworden. Was treibt Sie im kalten Winter hierher zu uns?

Ich bin nach Deutschland gekommen, um an meinem Geburtstag so viel Bier zu trinken wie möglich (lacht). Nein, im Ernst: Ich bin nicht hier, um Ratschläge zu geben, was Sie zu tun haben. Aber ich bin gekommen, um Ihnen davon zu berichten, wie es uns kanadischen Farmern mit der Gentechnik ergangen ist. Denn wir haben in Kanada seit über zehn Jahren unsere Erfahrungen mit dem Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen. Als wir in den neunziger Jahren damit konfrontiert waren, gab es niemanden, den wir nach seinen Erfahrungen fragen konnten.

Und wie ist Ihre persönliche Situation? Führen Sie noch einen Rechtstreit gegen Monsanto?

Wie Sie sicher wissen, wurden meine Frau und ich von Monsanto wegen Patentverletzung verklagt, nachdem unsere Rapsfelder mit Gen-Raps kontaminiert waren. Wir haben alle Rechtsmittel ausgeschöpft und bis zum Obersten Gerichtshof gekämpft. Erst in dieser Instanz war es möglich, auch grundsätzliche Fragestellungen zu behandeln. Geklärt wurde in diesem Verfahren, dass wir keine Lizenzgebühren an Monsanto zu zahlen haben, da wir die Technologie von Monsanto nie genutzt hatten. Das Supreme Court hat aber auch entschieden, dass alle Lebensformen, die die patentierten Gene von Monstanto enthalten, Eigentum dieses Konzerns sind und von diesem kontrolliert werden. Damit ging unser gesamtes Raps-Saatgut und unsere Pflanzen in den Besitz von Monsanto über.
Wir drehen nun den Spieß herum: Am 19.März gehen wir in die Offensive und verklagen den Konzern für die Schäden, die uns durch sein Saatgut entstanden sind. Wer eine Lebensform besitzt und kontrolliert, ist auch für die Schäden verantwortlich, wenn er diese freisetzt. Wir wollen, dass Monsanto dafür die volle Haftung übernimmt.

Und wie schätzen Sie ihre Chancen ein?

Meine Frau und ich wissen, wie schwer es ist, gegen einen großen, multinationalen Konzern vor Gericht zu ziehen. Aber Sie kennen ja die Geschichte von David gegen Goliath. Und heute steht eine Armee von Menschen in der ganzen Welt hinter uns, die uns unterstützt. Das gibt uns die Kraft, diesen Kampf durchzustehen.

Ganz offensichtlich gelingt es Ihnen, andere mitzureißen. Gibt es auch in Kanada eine Bewegung für eine gentechnikfreie Landwirtschaft?

Am Anfang haben viele Bauern den Versprechungen von Monsanto geglaubt. Aber inzwischen hat sich gezeigt, welche schlimmen Folgen die Gentechnik in der Landwirtschaft mit sich bringt und viele sehen die Entwicklung mit großer Sorge. Die Erträge bei Gen-Soja und -Raps sind wieder gesunken und es entstanden Superunkräuter mit Resistenzen gegen verschiedene Herbizide, so dass die Landwirte jetzt mehr und noch giftigere Spritzmittel einsetzen müssen. Die Agro-Firmen haben dafür natürlich auch wieder eine Antwort und verkaufen ein Pestizid, das zu 70 Prozent den Wirkstoff von Agent Orange enthält. Das alles hat dazu geführt, das sich inzwischen viele NGOs, aber auch der Bauernverband gegen den Einsatz von Gentechnik in der Landwirtschaft aussprechen. Aber meiner Ansicht nach hatte es den größten Einfluss auf die kanadische Bevölkerung, als auch die großen Kirchen gemeinsam das Thema aufgriffen. Sie verteilten zum Beispiel Broschüren in den Kirchen mit der Botschaft: Leben ist nicht käuflich. Ich glaube, das hat eine entscheidende Rolle dabei gespielt, dass die Stimmung in der Bevölkerung gekippt ist und seit 1996 keine weiteren gentechnisch veränderten Pflanzen in der Landwirtschaft zugelassen wurden.

Wie geht es den Bio-Bauern in Kanada heute?

Ökologisch wirtschaftende Farmer können heute in Kanada keinen Bio-Raps und keine Bio-Soja mehr anbauen. Denn inzwischen ist es als Tatsache akzeptiert, dass es keine Koexistenz von Gentechnik-Landwirtschaft und gentechnikfreiem Anbau gibt. Die angeblich notwendigen Sicherheitsabstände wurden im Laufe der Zeit immer größer. Heute gibt es Berichte, dass sich gentechnisch veränderter Raps bei starken Winden bis zu 200 Meilen weit verbreitet. Da Raps zur Familie der Kohlgewächse gehört, sind inzwischen auch viele andere, artverwandte Pflanzen wie Senf, Rettich, Blumenkohl und andere mit genverändertem Erbgut kontaminiert. Wenn in den letzten Jahren - wie von den Agro-Konzernen geplant - auch Gen-Weizen eingeführt worden wäre, dann gäbe es keine Grundlage mehr für den Ökolandbau in Kanada. Doch das konnte nicht durchgesetzt werden. So ist heute der Öko-Bereich die am stärksten wachsende Branche bei uns. In meiner Provinz Saskatchewan steigt die Nachfrage nach Bio-Produkten jährlich um 20 Prozent und das Angebot kann damit nicht mithalten. Immer mehr Menschen greifen zu Bio-Produkten, weil sie deren gesundheitliche Vorteile sehen. So hat sich beispielsweise gezeigt, dass gentechnisch veränderte Brokkoli nur noch 50 Prozent der natürlicherweise vorkommenden Nährwerte aufweisen.

In Europa wird von Gentechnik-Befürworten oft ein Vergleich bemüht: Auf der einen Seite werden die in die Zukunft gewandten USA und Kanada gesehen, auf der anderen das "alte", fortschrittsfeindliche Europa. Wie bewerten Sie das?

Meiner Ansicht nach sehen die Europäer Lebensmittel mit anderen Augen als die Nordamerikaner. Sie legen mehr Wert auf gute und sichere Lebensmittel und Essen ist für sie auch ein Teil der Kultur. In den USA und Kanada hat die junge Generation dagegen keine Vorstellung mehr davon, woher die Lebensmittel kommen. Wenn man in Europa vor Jahren bereits in breitem Stil gentechnisch veränderte Pflanzen eingeführt hätte wie bei uns, dann wären die Genpflanzen in der Landwirtschaft heute weltweit verbreitet. Viele Menschen in Nordamerika sind deshalb den Europäern dankbar, dass sie die Gentechnik nicht kritiklos eingeführt haben. Und wir hoffen, dass sie noch weiter standhaft dagegen halten. Aber die Entscheidung liegt bei Ihnen. Sie haben jetzt die Informationen darüber, was uns passiert ist und welchen Preis wir dafür bezahlt haben.

Das Interview führte Andreas Greiner

Weitere Informationen:
www.percyschmeiser.com (Englisch)
www.percy-schmeiser-on-tour.org (zur Tour von Percy Schmeiser,Deutsch)

Quelle:www.gen-ethisches-netzwerk.de