Hintergrundinfo

Ferien auf dem Bauernhof
Keine Angst vor großen Tieren

Kinder wissen sehr genau, was einen richtigen Bauernhof ausmacht. Auf dem Rückerhof im Westerwald finden sie alles, was sie suchen: Schweine, Hunde, Kaninchen und vor allem Pferde. Das Schöne dabei: Auch den Eltern wird es nicht langweilig.

Die Stars auf dem Rückerhof heißen Balou, Biggi, Tündy und Loretta und haben allesamt vier Beine. Balou ist kein Bär, sondern ein großer Schweizer Sennenhund und eine Seele von Tier.
Sein Lieblingsplatz ist platt am Boden vor der Rezeption, sehr zur Freude aller ankommenden Kinder. Von denen wird er gedrückt und geherzt den lieben langen Tag. Kinder haben sehr genaue Vorstellungen davon, was auf einem Bauernhof alles zu finden sein muss. Das erste Bauernhofelement "großer Hofhund" ist zur Zufriedenheit unserer Kinder abgehakt.
Nach der ausgiebigen Begrüßung von Balou beziehen wir unser Appartement namens Lavendelgalerie. Auf wenigen Quadratmetern bietet die Wohnung alles, was eine Familie braucht, Küche, Bad, Balkon und Ohrensessel. Auf der Galerie die Elternbetten, unter der Treppe zwei Alkovenbetten.
Die Kuschelhöhlen werden von Leonie und Sophie sofort besetzt.
Die Wohnung ist also auch ok. Sophie drängt zur weiteren Untersuchung der örtlichen Gegebenheiten. "Jetzt müssen wir zu den Pferden, Schweinen und Kaninchen", benennt sie die nächsten Erwartungen an einen Bauernhof.

Ein laut grunzendes Urvieh
Ein Rundgang über die verstreut liegenden Gebäude des Hofes führt uns zum ungarischen Wollschwein Biggi, ein echtes, laut grunzendes Urvieh. Leonie und Sophie finden die Sau sehr lustig. Vorbei geht's an Schafen zu Pferdestall und Reithalle.
Die Ponys sind ja sooo süüß. Ursula Rücker, die Chefin, hat uns für den nächsten Tag zum Crash-Kurs Reiten für Anfänger gemeldet. "Keine Angst vor großen Tieren", lautet der ermutigende Titel. Die Kinder sind sehr begeistert. Schlimm nur, dass man davor noch schlafen muss. Ursula Rücker treffen wir im Gutshaus zum Abendessen. "Achten Sie einfach auf den roten Haarschopf", hatte uns Frau Schwarz an der Rezeption gesagt. Und in der Tat, die Chefin ist nicht zu verfehlen. Für die Kinder gibt's Bockwurst mit Pommes und Ketchup. Schon wieder ein Pluspunkt. Der Saibling mit Kräuterfüllung und Mangold-Kartoffeln erfüllt dann auch die Erwartungen der Erwachsenen.

"Der Mangold ist bio", sagt die Chefin, "der wächst bei mir im Garten." Prinzip ist Bioeinkauf nicht auf dem Rückerhof, wohl aber lokale Ernte. Der Saibling kommt aus dem Nachbardorf, der örtliche Metzger sucht sein Fleisch bei verschiedenen Bauern der Umgebung, und auch das Gemüse stammt weitgehend aus Welschneudorfer Boden. "Westerwälder Küche lockt allerdings keinen an", stellt Rücker klar, "nicht mal aus Montabaur." Sie mache schon mal ein traditionelles Kartoffelessen auf dem Hof, aber dann müsse schon ein Wildschweinbraten dazu. Original Westerwälder Küche sei einfach zu ärmlich.

Im gut 300 Jahre alten Gutshaus sitzt man allerdings ganz und gar nicht ärmlich. Aus dem ehemaligen Pferdestall des Kurfürsten haben die Rückers eine Gaststube mit viel Atmosphäre gemacht. Das Kreuzgewölbe veredelt die Decke, alte Holzstühle und stabile Tische schaffen originelle Gemütlichkeit. Die Blumen auf dem Tisch sind echt. Das Frühstück wird mit Blick auf den Bauerngarten serviert. Selbstgemachte Marmeladen, Biohonig aus der Nachbarschaft, Wurst, Käse, drei Sorten Brot und frische Eier aus dem Dorf - und das alles ohne störende Plastikpäckchen und Tischmülleimer.
Ursprünglich war der Rückerhof ein Milchbetrieb. "Viel Arbeit, wenig Brot", erinnert sich die Chefin. "Als dann das System mit den EU-Milchquoten immer abstruser wurde, haben wir vor 20 Jahren komplett auf Pferdehof mit Ferien auf dem Bauernhof umgestellt", erklärt sie. Pferde haben immer schon eine große Rolle auf dem Rückerhof gespielt. Der Senior ist ein passionierter Kutschfahrer und die Spezialität des Rückerhofes ist das Geländereiten, auch mal über mehrere Tage und weite Strecken.

Wir fangen am nächsten Tag ganz von vorn an. "Zunächst mal müssen die Pferde gestriegelt werden", erklärt Judith, die angehende Pferdewirtin. Das sei aus zwei Gründen wichtig: Einmal, weil der Dreck aus dem Fell muss, bevor der Sattel aufgelegt werden kann, und zweitens, weil man so eine Beziehung zum Pferd aufbaut. Judith ist im letzten Lehrjahr und wirkt gegenüber uns Pferdenovizen sehr erfahren und beruhigend.

Striegeln und Bürsten
Leonie und Sophie bürsten Loretta, das schwarze Pony. Die Eltern versuchen sich an Ilasso, dem braun-weißen Wallach. Judith erklärt, wie die Hufe gesäubert werden, wie man die Zügel anlegt und den Sattel richtig festzurrt.
Nach einer halben Stunde Striegeln, Bürsten und Zurren dürfen wir endlich rauf aufs Pferd. Leonie und Sophie strahlen. Die beiden Großen sitzen noch etwas steif auf dem Ross. Wenn die Mädchen, die uns durch die Halle führen, mal loslassen, ist die Kontrolle übers Ross schnell dahin. "Die Pferde probieren aus, welche Freiheit sie haben", sagt Judith. "Und, wenn sie merken, dass der Reiter keinen Druck ausübt, dann machen sie sich eine ganz gemütliche Stunde."
Dennoch, das Klack-Klack der Hufe wirkt entspannend. Die Stunde ist viel zu schnell vorbei. Zum Glück steht morgen wieder eine Reitstunde auf dem Programm. Die Reitlehrerinnen auf dem Rückerhof beantworten geduldig alle Anfängerfragen. "Wir haben sehr viele Anfänger hier auf dem Hof", sagt Judith, "was immer wieder Spaß macht, weil die Kinder so begeistert sind." Ein Lau-Job sei das allerdings beileibe nicht. "Wir arbeiten sechs Tage die Woche, Samstag und Sonntag inklusive, mit viel Verantwortung für Tier und Reiter", erklärt sie. Aber sie beklagt sich nicht. Schließlich habe sie auch mal als kleines Mädchen angefangen, auf Ponys im Kreis zu reiten. "Und jetzt", sagt sie zufrieden, "habe ich mein Hobby zum Beruf gemacht."

Nach dem Reiten wartet das nächste Event. Kutschfahrt mit Wollschwein Biggi. Uwe, der Haus- und Hofmeister, holt die borstige Riesensau aus dem Stall und spannt sie vor den Leiterwagen. Leonie, Sophie und Tim heißen die Passagiere. Die Kinder johlen vor Freude. Nach der Kutschfahrt sind Tim und Leonie Freunde. Auch das geht schnell auf dem Bauernhof.

Danach ist Tiere füttern dran. Drei Schweine stehen im Stall. Schafe und Kaninchen haben Hunger, und dann muss Uwe mit dem Trecker den Wassertank zu den Rindern auf die Weide bringen, mit Sam, dem wachsamen Mischlingshund, und den Kindern. "Treckerfahren ist super", jubelt Leonie - noch ein Pluspunkt für den Rückerhof.
So viel Bewegung an der würzigen Luft macht hungrig. Der Krustenbraten wird im blühenden Bauerngarten, zwischen Stockrosen, Dahlien und Sonnenblumen serviert. Beim Essen hat sich Petra aus Finnland zu uns gesellt. An "normalen" Abenden sammelt sie alle Kinder schon um 18 Uhr um sich zum "Jungbauernmahl". Heute essen alle gemeinsam, aber danach geht es in den Kinderraum zum Malen.

Muskelkater programmiert
Beim zweiten Reittermin am nächsten Morgen sind Leonie und Sophie schon ganz routiniert. Heute hat jede ihr eigenes Pony: Leonie die schon bekannte Loretta und Sophie die schwarz-weiß gefleckte Tündy. Während die Mutter sich mit Lady vergnügt, vertiefe ich die Beziehung zu Ilasso. Wir lernen lenken, antreiben und bremsen. Der Druck, der mit den Oberschenkeln ausgeübt werden soll, fordert Muskelpartien, die man als Nicht-Reiter gar nicht kennt.
Muskelkater in der Leistengegend ist programmiert. Die zweite Stunde ist anstrengender als die erste. Aber die Geruchsmischung aus Pferd, Sattelleder und Heu ist Wellness für die Nase. Es gäbe noch so viel zu tun: Brotbacken, Planwagenfahrten, Nordic- Walking-Kurse, Massagen und natürlich die Ausritte ins Gelände für geübte Reiter. Aber nach dem Mittagessen geht das Schnupperwochenende zu Ende. Die Kinder herzen Balou noch einmal, und auf die Frage, ob wir denn wiederkommen sollen, gibt es nur eine laute Antwort:
Jaaa!!!!

Michael Adler

Bildquellennachweis: Alle Fotos: Michael Adler


Dieser Artikel ist in der Zeitschrift Verträglich Reisen erschienen. Das aktuelle Heft können Sie hier bestellen.

Eine Übersicht über die Ferien-Biohöfe in Deutschland und vielen anderen europäischen Ländern finden Sie hier.