Hintergrundinfo

Rosen für die reiche Welt
Das globale Geschäft mit der schönsten Blume

Nancy Koygijó kann nicht mit den Fingerknöcheln auf den ausrangierten Tisch pochen, wie es die anderen tun, wenn sie ihren Argumenten Nachdruck verleihen. Die Blumenarbeiterin gibt gerade ihrem dritten Kind die Brust. Aber sie stimmt den Worten ihres Nebenmannes zu: "Wir werden um unsere Rechte bis zur letzten Konsequenz kämpfen, wir sind bereit, hier unser Blut zu vergießen."

Auf der Farm "Rosas de Ecuador" blühen heute keine Rosen mehr. Vor zwei Jahren haben sich die ehemaligen Besitzer davongemacht. In den sieben Monaten zuvor hatten sie keine Löhne mehr ausgezahlt. Geblieben sind Nancy und weitere 52 Männer und Frauen, die auf der Plantage im Hochland der Anden gearbeitet haben. Sie wollen die Farm halten, bis sie die sieben Monatslöhne und eine Abfindung bekommen. Sie schlafen auf Matratzen in den früheren Verwaltungsräumen und halten abwechselnd Wache, um die Plantage zu verteidigen. Bei den Alten vermischt sich Verbitterung mit Stolz. Ihre Hacienda führte einst den Rosenboom in Ecuador an.

Aus dem Andenstaat kommen heute die schönsten Rosen der Welt. "Wir waren hier die Ersten und die Besten", grollt der einem Gaucho gleichende Luis Imbakinquo, der Chemikalien gespritzt hat und dabei auch schon mal umgefallen ist: "1987/88 gewann unsere Farm die Goldene Rose." Alvaro Vaena hieß der alte Besitzer. Er war Kolumbianer, sorgte immer für pünktliche Löhne und Schutzkleidung, ließ sogar einen Betriebsrat zu: "Einen richtigen Betriebsrat, Señor, wie er für fast alle Farmer Ecuadors und Kolumbiens ein rotes Tuch ist!" Als Alvaro Vaena die Rosas de Ecuador abgab, verlor die Farm ihre führende Position. Die neuen Besitzer teilten nicht einmal mehr Schutzkleidung aus. Sie erklärten dem Betriebsrat den Krieg. Nachdem sie schließlich das Weite gesucht hatten, sahen die Blumenarbeiter keine andere Möglichkeit mehr als den Dauerstreik. Wer Betriebsräte, Gewerkschaften gar, zu gründen versucht oder ihnen angehört, kommt auf schwarze Listen und findet auf anderen Plantagen im Land keine Arbeit mehr. Die 53 Besetzer suchten sich ihre eigene Arbeit auf der Farm. Sie legten kleine Versuchsparzellen an, um wieder zu lernen, wie man Gemüse anbaut und Gras sät für Kleintiere. Denn wo in Ecuador Rosen blühen, haben sie die normale Landwirtschaft verdrängt.

An die Namen vieler Sorten erinnern sich die Streikenden von "Rosas de Ecuador" noch wie an ein verlorenes Paradies. "War die Black Magic dabei? Baute die Farm schon die Espérance oder die Freedom an?" - "Ich kenne nur die Black Magic", sagt die 59-jährige Lourdes, die den Hut der Hochland-Indianer trägt, "die kam noch, bevor sie hier zumachten." Die dunkelrote, samtfarbene Black Magic, Jahrgang 1995, stammt aus Uetersen bei Hamburg. Aufgezogen vom Zuchtbetrieb Rosenwelt Tantau, begann ihre Karriere auf den Plantagen Afrikas und Lateinamerikas. In Russland wurde sie zum Verkaufsschlager. Die Russen bevorzugen einzelne, langstielige, repräsentative Rosen, die sie an den Valentins-, Frauen- und Lehrertagen überreichen. Der Name der Rose, den ihr Züchter und Produzenten gaben, tat ein Übriges: Black Magic, das passte zur schwarzen Wirtschaftsprivatisierung in Moskau. Die Black Magic hielt sich lange. Heute führt sie ein zweites Leben als Gartenrose, doch gehört sie weiter zu den 50000 Schnittrosensorten, die weltweit registriert sind.

Die Blumenindustrie hat erreicht, dass der Himmel voller Rosen hängt. Fracht-Jumbos, mit Blumenpaletten gestopft, überqueren die Ozeane von Kühlhaus zu Kühlhaus. Jede Linienmaschine, die mit ihren Passagieren Bogotá, Quito oder Nairobi in Richtung Europa oder Nordamerika verlässt, hat Rosen geladen. Achtzig Prozent aller Blumen, die nach Europa kommen, landen auf dem Amsterdamer Flughafen Schiphol. Vorbei sind damit die Zeiten, in denen regionale Rosenanbauer wie in den Vierlanden bei Hamburg und die "Big Grower" der Niederlande den Markt beherrschten. Nach Stückzahl und Hektar haben Kenia und Kolumbien die Holländer längst überholt. Wie einst die großen Mächte Kolonien an sich rafften, stecken heute die Unternehmer aus Europa und den USA, die Grundbesitzer in Lateinamerika und die reiche Regierungs-Klientel in Afrika ihre Blumenfelder immer weiter ab. Kolumbien, Ecuador, Kenia, auch Simbabwe und Südafrika sind die Big Shots. Sambia ist der am schnellsten wachsende Blumenexporteur. Auf Äthiopien setzen die Propheten. Dem armen Ecuador bringen Rosen nach Öl und Bananen inzwischen die dritthöchsten Einnahmen. In Kolumbien sind die Rosen über alle Verbrechen von Guerillas und Paramilitärs hinweg zu einem Geschäft gediehen, das tröstlicherweise noch besser blüht als der Kokainschmuggel. Ende der neunziger Jahre hat der US-Fruchtmulti Dole etwa ein Fünftel der kolumbianischen Rosenplantagen erworben.

Unter der Äquatorsonne haben sich die Köpfe vieler Rosensorten in kaum mehr als einem Jahrzehnt um fast fünfzig Prozent vergrößert. Immer ausgefallener müssen die Farben sein, immer wohlproportionierter die Formen, immer voller die Körbchen der Blüten und immer länger die Stiele. Niemand gibt für Rosen mehr aus als die Bundesbürger. 2004 blätterten sie rund drei Milliarden Euro für Schnittblumen hin, jede Dritte davon war eine Rose. Aus Deutschland stammte nicht mal ein Drittel dieser Pracht. Rosen aus den südlichen Erdteilen steigen von der Grenze des Importlandes bis zum Verkauf im Blumenladen um das Siebenfache in ihrem Wert. Da obendrein Europäer oder Multis wie Dole viele der Rosenplantagen in der Dritten Welt besitzen, bleiben den Ländern dort nur sehr dürftige Exporterlöse.

So kurz das Leben einer Rose ist, so lang ist die Kette der Menschen, die an ihr hängen. Die meisten der 150000 Arbeiter auf den Blumenplantagen der Welt sind Frauen. Sie müssen zumeist die Pflanzen einsetzen und kommen mit den Chemikalien ständig in Kontakt. Sie arbeiten gebückt, in der Hocke, auf Knien. Dennoch werden sie auf vielen Farmen geringer entlohnt und seltener mit Schutzkleidung ausgestattet als die Männer. Sie kommen in ihren Arbeitssachen nach Hause, nehmen die Kinder auf den Arm oder an die Brust, bereiten das Essen zu. Die Mutterschaftsfristen sind zu kurz, wenn es sie überhaupt gibt. Blumenarbeiterinnen wissen viel von Fehlgeburten zu erzählen. Norma Mena, Volkswirtin und Demografin in der ecuadorianischen Rosenregion Cayambe, zählt die Beschwerden und Krankheiten auf, die durch die ungeschützte Anwendung von Chemikalien verursacht werden. Es hört sich an, als ob sie die Liste der Gegenanzeigen auf dem Beipackzettel eines Medikaments verliest. Über mindestens eine dieser Krankheiten klagen die meisten der mujeres en flores im Einzelgespräch. Sie leiden unter Kopf- oder Magenschmerzen, geröteten Augen, Atemproblemen, Allergien, die nicht wieder verschwinden, Gedächtnis- und Sehstörungen, motorischen Störungen der Hände.

Es muss nicht dazu kommen. Die Blumenarbeiterinnen der Farm Hoja Verde bringen keine Klagen vor. Der Besitzer der Plantage, der 39-jährige Eduardo Letort, begann 1997, die Hacienda seines Vaters von Viehwirtschaft auf Rosenanbau umzustellen. Als das Geschäft auch mit Europa gut anlief, schloss sich der gelernte Betriebswirt dem deutschen Flower Label Program (FLP) an. FLP-Mitgliedsfarmen (in Ecuador sind es bisher 42 von knapp 400) verpflichten sich, die weltweit anerkannten Arbeitsrechte zu respektieren, welche die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) vorgegeben hat. Sie lassen Stichproben durch humanitäre Organisationen und Gewerkschaften zu.

Doch diese Plantagen sind in der Minderheit, und das Outsourcing pflanzt sich auch am Äquator fort: Um die Zahl der fest angestellten Arbeiter zu senken, gründen die von der weltweiten Überproduktion bedrängten Farmen eigene Unterfirmen, von denen sie sich Zeitper-sonal für kurze Fristen vermitteln lassen. Sie befreien sich damit von Krankenversicherung, Pensionsansprüchen, Mutterschaftsurlaub und obendrein von der Pflicht, für Schutzkleidung zu sorgen und über Gefahren aufzuklären.

Auf der Farm Hoja Verde laufen die Männer mit ihren Giftspritzen in Schutzanzügen fast wie Astronauten herum. Vor den riesigen Plastikhauben, die über die Rosenfelder gespannt sind, hängen Schilder wie Speisekarten aus. Darauf steht, wann und was gesprüht worden ist und an welchem Tag die Anlage wieder betreten werden darf. Doch auf vielen Plantagen, vor allem in Afrika, zählt nur der Gewinn. Die Frauen werden noch immer wenige Minuten nach dem Sprayen wieder in die giftigen Dunstwolken geschickt. Und Europas Chemiemultis haben in den vergangenen Jahren wenig Hemmungen gezeigt, Pestizide in überseeische Anbaugebiete zu exportieren, die im Ursprungsland längst verboten waren. Vom Anbaugebiet in der Rosenregion Cayambe bis zum Flughafen nach Quito brauchen die Rosen etwa zwei Stunden. Am Flughafen drängen sich 40 Cargo-Vertretungen auf engstem Raum. 90 Prozent ihrer Exportfracht sind Blumen. Die meisten Rosen werden gegen Abend angeliefert und fliegen am nächsten Morgen ab. Während ihres 12- bis 15-stündigen Fluges in Linienmaschinen oder voll gestopften "Blumenbombern" werden die Rosen weiter übers Internet verkauft. In Amsterdam bringen Lastwagen die Ware zu den Kühlhäusern der Importeure, Großhändler und Blumenbörsen. Die Wallstreet des Blumenhandels liegt nur 15 Kilometer entfernt: die Vereinigte Blumenversteigerung Aalsmeer. Allein sechs bis acht Millionen Rosen werden hier an jedem Morgen versteigert. Früh um 6 Uhr erscheint das größte zentrale Handelsgebäude der Welt mit einer Ausdehnung von 165 Fußballplätzen. Im Städtchen Straelen am Niederrhein steht ein Betonkomplex auf grüner Wiese. Der Straelener Blumenhandel gehört zu den führenden Lieferanten des Großhandels vom Hamburger Blumenmarkt bis nach Armenien. Viermal die Woche treffen Rosen aus Ecuador ein, 18 Millionen im Jahr. Aus den übrigen Exportländern kommen noch 52 Millionen hinzu. Um 10.30 Uhr ist an diesem Morgen in Amsterdam eine Frachtmaschine mit gut 70 Tonnen Blumen aus Ecuador gelandet. Vier Tonnen Rosen kommen um 18 Uhr in Straelen zur Aufbereitung an. Zehn Leute schneiden bis zum frühen Morgen 150000 Rosen an, binden sie neu, verpacken sie in Folie und stellen sie in die Plastikeimer mit der Nährlösung.

Die deutsche Rosenproduktion ist dennoch durch den steigenden Ölpreis weiter in die Defensive geraten. Werner Buhk, einer der Blumengroßhändler auf Hamburgs Markt, sagt kurz und bündig: "Im Winter läuft hier nichts. Öl und Gaswerke sind zu teuer, afrikanische Rosen zu billig. Ohne Licht ist nichts zu machen!" Mit dem Ende der Sommersaison werden in den besseren Blumenläden wieder die großköpfigen Rosen stehen, die das Licht das ganze Jahr über und zwölf Stunden täglich kostenlos von der Äquatorsonne beziehen. Von den wachsenden Anbauflächen vor allem in Afrika wird auch billige Ware in die Supermärkte, Ketten, Drogerien, Baumärkte, Tankstellen schwemmen. Wer fragt noch nach dem Land, in dem die Rosen blühen - mitten im Winter?

Mit freundlicher Genehmigung des VEN. Christian Schmidt-Häuer, Die Zeit 30/2005