Nachrichten

Exklusiv: Ein Tag bei Stadtkind
Das Hannovermagazin öffnet für Bio-hannover seine Türen

Hannover Mitte, Februar 2011. Ein Hinterhof, nicht weit von der Christuskirche entfernt. Hinter einer Einfahrt versteckt liegt sie: Die Stadtkindredaktion. Hier entsteht das, was mittlerweile bei kaum einem Arzt der Stadt mehr im Wartezimmer fehlen darf. Ein Magazin, das vor sieben Jahren, ungeachtet des Trends hin zu wenig Text und immer größeren Schlagzeilen, auf Textlastigkeit setzte. Herausgegeben wird das Stadtkindmagazin von Gründer Lars Kompa. Er sah eine Marktlücke, die sonst niemand sah. Was mit einer Idee begann, wird heute in der Nordfelder Reihe 13, tagtäglich umgesetzt. Das Hannovermagazin besitzt mit rund 5.000 Abokunden und monatlich 10.000 verkauften Exemplaren eine treue Leserschaft.


Anfangs lief vieles über Mund zu Mund Propaganda

Ich gehe die Stufen zum Eingang hinauf. Eine Praktikantin hält mir die Tür auf. Vor mir, ein großer Raum mit vielen Schreibtischen: Rechts vorne die offene Küche, hinten links das Büro von Chefredakteur Lars Kompa. Die Atmosphäre ist freundlich und ruhig, doch wer weiß, wie chaotisch es hier vor Redaktionsschluss zugeht. Kompa empfängt mich in seinem Büro, in der Hand hält er einen Blumenstrauß. Die Blumen sind für Jill Catrin. Die 21-jährige Praktikantin hat heute ihren letzten Tag. Sie macht eine Ausbildung zur gestaltungstechnischen Assistentin und betreute bei Stadtkind den grafischen Teil. Mit ihrem Gehen, kommen zwei neue Praktikanten.

Cover, Märzausgabe 2011, © Stadtkind

Eine wartet für die Koordination im Flur. Beide werden bei dem neuen Studentenmagazin "NullFünfElf" mithelfen. Der Stadtkindverlag veröffentlicht neben dem halbjährlich erscheinenden Studentenmagazin, auch den Einkaufsführer "Kauf Lust". In einer Printausgabe werden darin seit 2009 einmal jährlich hannoversche Geschäfte vorgestellt. Zu den gut 70 Läden 2010, sollen dieses Jahr noch über hundert Neue dazukommen.
Überhaupt, es läuft gut für Stadtkind. Das Krisenjahr 2009 war etwas schwerer, aber im Grunde genommen, steht das Magazin unter einem guten Stern. "Anfangs lief vieles über Mund zu Mund Propaganda", erfahre ich von Kompa. Er selbst gab dem Magazin zu Beginn gerade mal ein halbes Jahr. Es spricht für sich: Im März 2007 wurde Lars Kompa für sein Hannovermagazin mit dem Stadtkulturpreis belohnt.


Viel Text, viele Kolumnen, viel Humor


Ich werde Simone Niemann vorgestellt. Sie selbst nennt sich eine "feste Freie", betreut bei Stadtkind gleich mehrere Ressorts: Musik, Party, Lesungen, Klassik und Theater. Die Veranstaltungsredaktion gehört auch zu ihrem Gebiet. Außerdem hilft sie bei der grafischen Gestaltung und dem Lektorat mit. Ich ahne sofort, die Arbeit bei Stadtkind ist abwechslungsreich. Wir sprechen über das Heft, kommen auf die außerordentliche Textlastigkeit des Magazins zu sprechen. "Das ist mit unseren Kolumnen unser Alleinstellungsmerkmal in Hannover", betont Simone Niemann. "Schließlich muss das Magazin den Lesern genügend Stoff für einen ganzen Monat bieten - und das mit Unterhaltungswert!" Was man im Heft findet, ist jedoch in vielerlei Hinsicht besonders für ein Stadtmagazin: Die Themenauswahl ist gewagt, die Texte sind ehrlich und direkt. Viel Humor und eine gute Portion Ironie sind ebenso stadtkindtypisch.

Ein Beispiel: Die Randgruppenbeleidigung. Auf knapp einer Seite werden Themen aus einem anderen Blickwinkel betrachtet. Ein Grinsen kann man sich beim Lesen der Randgruppenbeleidigung selten verkneifen. So wurde im Dezember etwas über Workaholics geschrieben - vor allem aber über jene, die nur so tun als ob. So seien die sogenannte Schein-Workaholics ein ernsthaftes Problem unserer Gesellschaft.

Doch Stadtkind bietet nicht nur reichlich Stoff für die Lachmuskeln, sondern auch reichlich Stoff zum Nachdenken. Nennenswert sind die "Kulturperlen". In jenem Teil werden wichtige Kulturereignisse rund um Hannover vorgestellt. Besonders viel Wert wird bei der Nachrichtenauswahl auf soziales Engagement gelegt. Neuerdings begegnet Stadtkind auch den hannoverschen Hundebesitzern mit größerer Wertschätzung: Auf einer guten halben Seite widmet sich der neue Teil "Stadthund", voll und ganz den Problemen von Herrchen und Klein-Wuffi. Mit Lesestoff und Themenvielfalt wird bei Stadtkind also wirklich nicht gegeizt.
"Eine weitere Besonderheit ist die große Veranstaltungsredaktion", erfahre ich von Simone Niemann. "Das, was gedruckt wird, ist aber nur ein kleiner Teil davon." Das vollständige Veranstaltungsarchiv findet man auf der Internetseite von Stadtkind. Nach Rubriken geordnet, kann man dort gezielt auf Veranstaltungssuche gehen.


Ideeninput ist erwünscht


Ich schaue mich im großen Büro ein wenig um, lerne eine weitere Mitarbeiterin kennen: Manuela Sender, die stellvertretende Chefredakteurin und rechte Hand von Kompa. Ihr Aufgabengebiet ist neben der grafischen Gestaltung vor allem die Online-Redaktion. Neben ihr sitzt Rebekka Rau, 25. Sie ist gerade mitten im Praktikum. "Man arbeitet hier sehr viel selbständig", so Rau über die Arbeit bei Stadtkind. "Das Schöne ist, dass Ideeninput erwünscht ist, man also immer eigene Ideen in die Arbeit mit einfließen lassen kann." Das Ganze macht ihr Spaß. Doch es gibt auch andere Tage. Sie erzählt mir von diversen außer Haus Einsätzen für den Teil "nachgefragt". "Es ist ja nicht so, dass die Leute bei Befragungen freiwillig zu einem kommen", erzählt sie. "Je nach Wetterlage, gibt es dabei auch schon mal den einen oder anderen nervtötenden Tag, an dem partout niemand mit einem reden will." Ich schmunzle. Zu gut kenne ich diese "belästigenden Leute", die selbst bei strömendem Regen und ungeachtet dessen, dass man ganz offensichtlich keine Zeit hat, versuchen, einen anzuquatschen.


Fehler gehören zum Geschäft


Lars Kompa studierte zuvor in Osnabrück Philosophie und Literaturwissenschaft. Bevor der verheiratete Vater einer dreijährigen Tochter das Stadtkindmagazin ins Leben rief, arbeitete er als freier Schriftsteller und Werbetexter. Auch in der Musik war er tätig. Mit seiner ehemaligen Rockband Antipasti 2000, trat der 39-Jährige in Hannover bei dem Fährmannsfest 2004 auf. Die Las Vegas-Coverband hat sich mittlerweile jedoch aufgelöst. Es bleibe einfach keine Zeit mehr für große private Projekte, so Kompa. Ich will von ihm wissen, welche Alltagssituationen als Chefredakteur zu seinen Favoriten gehören. "Worüber ich mich immer sehr freue, sind Leserbriefe", antwortet er. "Wenn sich ein Leser hinsetzt und Zeit investiert, um sein Lob, sein Ärger oder seine Anregungen loszuwerden, dann sehe ich das als Wertschätzung an". Er erzählt, wie eine 70-jährige Rentnerin bei ihm anrief, weil ihr die aktuelle Randgruppenbeleidigung so gut gefiel. Er ist stolz darauf, dass sein Magazin eine breite Leserschaft anspricht. Insgesamt bekommt die Redaktion viele Leserbriefe - davon viele Positive. Dem Chef gefallen allerdings die negativen Leserbriefe besser. Selbstkritik ist offensichtlich etwas, womit er gut umgehen kann.

Eines ist unumstritten: Stadtkind steht für Lebensfreude. Und die steckt nicht nur im Magazin, sondern wie ich bei meinem Besuch festgestellt habe, vor allem dort, wo es entsteht.

Jasmin Vettel, Umweltzentrum Hannover e.V.