Hintergrundinfo

Robust, schmackhaft und gehaltvoll -
Warum Bio-Saatgut die bessere Variante ist und wo ich es kaufen kann

Biologisches Saatgut ist nach wie vor ein kleiner Sektor des weltweiten Saatgutmarktes. Die multinationalen Konzerne der Saatgutindustrie setzen auf Hybridpflanzen - Einwegpflanzen deren Samen nur sehr eingeschränkt wiederverwendet werden können. Hybridpflanzen sind ertragreich und in der Landwirtschaft äußerst beliebt. Sie haben in den letzten Jahrzehnten den Markt fast vollkommen erobert und dadurch die natürliche Sortenvielfalt unserer Kulturpflanzen zerstört. Die Agrarindustrie hat sich auf die Produktion einiger ökonomischer Hybridsorten beschränkt. Geschmack und Inhaltstoffe bleiben bei der Auswahl der wirtschaftlich signifikanten Sorten zweitrangig. Sind die biologischen Sorten also die bessere Variante? Und woher bekomme ich das Bio-Saatgut für meinen heimischen Kleingarten?


Der Markt der Hybridpflanzen

Es war einmal ein Samenkorn. Es wurde in die Erde gepflanzt, keimte auf und wuchs zu einer Tomatenpflanze heran. Nennen wir sie Anna. Anna trug in der Hochsaison viele kleine Tomaten, alle wie Zwillinge, gleich groß, gleich rot. Der Auftrag lautete: Produktiv soll sie sein und möglichst konforme Ergebnisse liefern. Anna

© Günter Havalena / pixelio.de

trug ihre Früchte, verdorrte und starb: Kurz und rentabel, das Leben einer Einwegpflanze.

Die sogenannten Hybridpflanzen, die im konventionellen Anbau bereits über 70 Prozent der verfügbaren Gemüsepflanzensorten ausmachen, keimen, blühen und sterben ohne brauchbaren Nachwuchs zu produzieren. Die Hybridpflanzen entstehen durch die Kreuzung zweier nicht verwandter Inzuchtlinien, die zuvor durch erzwungene Selbstbefruchtung reinerbig gemacht wurden. Bestimmte Eigenschaften wie Fruchtgröße, Fruchtform und Resistenz vererben sie zuverlässig an ihre Nachkommen weiter. Doch bereits in der nächsten Generation sind die Samen unbrauchbar, da sie ihre vorhersehbaren Eigenschaften zum Großteil wieder verlieren. Das Verfahren, das der Hybrid-Zucht zugrunde liegt, ist ein ganz normaler evolutionärer Mechanismus, der bei Samenpflanzen in der Evolution immer wieder in verschiedenen Formen stattgefunden hat und stattfindet. Dieser Mechanismus wird bei den heutigen Hybridpflanzen in Züchtungslabors der Industrie künstlich herbeigeführt. Für die Saatgutfirmen ein rentables Geschäft, schließlich zwingt das Fortpflanzungsproblem der Hybride die Bauern zum jährlichen Nachkauf. Etwa zehn Saatgutkonzerne, darunter Bayer und Monsanto, kontrollieren bereits zwei Drittel des weltweiten Saatgutmarktes. Ein Geschäft mit einer starken Lobby.

Ein komplexer, sich in Jahrmillionen entwickelter Fortpflanzungskreislauf wurde in nur wenigen Jahrzehnten für die Agrarwirtschaft unbrauchbar, ausgetauscht durch das Prinzip der Einwegpflanzen, welche Landwirte von einflussreichen Saatgutunternehmen abhängig machen. Stellt sich die Frage, wie kam es dazu, warum greift ein Bauer zu Hybridsaatgut?
Hybridsaatgut ermöglicht ein lenkbares Ergebnis, da es durch gezielte Züchtung die positiven Eigenschaften zweier reinerbig gemachter Elternlinien vereint und sich somit durch einen hohen Ertrag, einen einheitlichen Reifezeitpunkt und eine konforme Fruchtform und -Größe auszeichnet. Genau das verlangt der Markt: Konformität und Zuverlässigkeit. Der teure Einsatz von Hybridsaatgut rentiert sich daher sowohl für den Landwirt, als auch für die Saatkonzerne und den nach Bilderbuchfrüchten fordernden Verbraucher.


Warum Hybridpflanzen ein Problem sind

Für die Sortenvielfalt der Pflanzenwelt kommt der zunehmende Einsatz von Hybridsaatgut einem Desaster gleich. Die samenfesten Sorten sind in den letzten Jahrzehnten fast vollständig von Markt und Acker vertrieben worden. Es gibt nur noch wenig ökologisch gezüchtete Sorten, auf die ein Bauer zurückgreifen kann. So setzt sich der Einsatz von Hybridsorten sogar in der Ökobranche durch, je nach Gemüsesorte wird dort bereits zu 70 bis 100 Prozent auf Hybrid-Saatgut zurückgegriffen.
Die Folge ist eine Produktionsreduzierung auf einige wenige Sorten. Die ursprüngliche Vielfalt der Kulturpflanzen geht zunehmend verloren und einst sehr beliebte Sorten sind in regulären Supermärkten entweder ausgestorben oder zu Exoten unter dem Gemüse geworden. Vor den zwei Weltkriegen waren gelbe, weiße, lilafarbene oder schwarze Möhren ein beliebtes und vielangebautes Gemüse in Deutschland. Heute findet man die farbenfrohen Möhren eher in den Mittelmeerländern. Das ist nur ein Beispiel von vielen.


Sind Bio-Sorten die bessere Alternative?

Die traditionelle Züchtung von samenfesten Sorten ist nach wie vor ein Zuschussgeschäft. Dennoch setzen sich seit vielen Jahren diverse Saatgutbetriebe, Gärtnereien, Vereine, Initiativen und private Samenarchive für die Erhaltung, Verbreitung und Weiterentwicklung "alter" Sorten ein. Die Bio-Sorten
© Günter Havalena / pixelio.de

werden traditionell durch Selektion und Kombinationskreuzung gezüchtet und zeichnen sich durch ihre natürliche Widerstandkraft gegenüber Umwelteinflüssen und ihre hohe Ernährungsqualität aus. Anders als bei konventionellen Sorten, die auf hohe Produktivität, Konformität der Früchte und Kompatibilität mit diversen Agro-Chemikalien hin gezüchtet werden, legen Öko-Züchter Wert auf Geschmack und Verträglichkeit. So haben sich in der Öko-Züchtung robuste Sorten durchgesetzt, die ohne Chemie stabile Erträge erwirtschaften. Aus biologischem Saatgut gehen in der Regel auch vitamin - und mineralstoffreichere Früchte hervor, da durch die starke Bewurzelung mehr Nährstoffe aus dem Boden aufgenommen werden können. Konventionelle Pflanzen die auf Chemikalieneinsatz gezüchtet wurden, weisen keine vergleichbare Bewurzelung auf, weshalb die Früchte auch weniger Nährstoffe enthalten. Biologisch gezüchtete Pflanzen sind spezifischer an ihren Standort angepasst, deswegen können sie nicht überall angepflanzt werden. Konventionelle Pflanzen werden auf hohe Ertragsfähigkeit und einheitlichen Reifezeitpunkt gezüchtet. Für den Hobbygärtner bedeutet das, in kurzer Zeit eine große Menge reifer Früchte verarbeiten zu müssen. Biosorten liefern hierbei einen stetigeren, über einen längeren Zeitraum verfügbaren Ertrag. Welches Saatgut man verwenden möchte, hängt von den individuellen Anforderungen ab, die man an seine Pflanzen stellt. Für wen die Qualität des Gemüses vorrangig ist und wer auch in Zukunft auf eine große biologische Vielfalt zurückgreifen möchte, sollte beim Saatgutkauf allerdings lieber auf Bio-Saatgut zurückgreifen.


Woher beziehe ich Bio-Saatgut für meinen heimischen Kleingarten?

Habe ich mich für meinen Balkon oder meinen Hobbygarten für Bio-Saatgut entschieden, stellt sich die Frage: Wo kaufe ich es?
Biogärtnereien sind leider noch eine Seltenheit und sicher nicht vor jedermanns Haustür zu finden, weshalb sich vieles Online abwickelt. Bio-hannover.de hat für Sie ein paar Online-Adressen zusammengestellt, bei denen Sie schnell und einfach ökologisch einwandfreies Saatgut bestellen können. Damit sie in der kommenden Gartenperiode frisches Qualitätsgemüse aus eigenem Bioanbau ernten können.

*Bingenheimer Saatgut AG
*Dreschflegel GbR
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*Reinsaat AG
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*Magic Garden Seeds

Jasmin Vettel, Umweltzentrum Hannover e.V.

Stand: 02.03.2011