Hintergrundinfo

Grüne Woche 2011: Preisspekulationen verringern, Hunger bekämpfen!

Berlin, 23.1.2011 - Die Internationale Grüne Woche Berlin ist nicht nur die weltgrößte Verbraucherschau für Landwirtschaft, Ernährung und Gartenbau, sie hat sich mit ihrem hochkarätigen Rahmenprogramm zur wichtigsten agrarpolitischen Plattform in Europa entwickelt. Das diesjährige Global Forum for Food and Agriculture (GFFA) stand vom 20. bis 22. Januar mit dem Leitthema "Handel und Sicherung der Welternährung: Global - Regional - Lokal" ganz im Zeichen der steigenden Preise für Agrarrohstoffe und der Auswirkungen dieser Entwicklung auf die Ärmsten der Welt. Höhepunkte waren drei Spitzenveranstaltungen Internationales Agrarministerpodium im ICC Berlin, Internationales Wirtschaftspodium in der Hauptstadtrepräsentanz der Deutschen Telekom und der dritte Berliner Agrarministergipfel im Auswärtigen Amt.

Berliner Agrarministergipfel: Ohne Handel keine Ernährungssicherung

Beim "3. Berliner Agrarministergipfel" haben auf Einladung von Bundesministerin Ilse Aigner Agrarministerinnen und -minister aus 48 Ländern darüber beraten, wie die Welternährung gesichert werden kann und welchen Beitrag der Handel hierzu leisten könnte. In ihrem Abschlusskommuniqué betonten sie die Schlüsselrolle, die Landwirtschaft und ländliche Räume bei der Versorgung der wachsenden Weltbevölkerung mit Nahrungsmitteln spielen. Ohne deren Entwicklung seien wirtschaftliches Wachstum und Armutsbekämpfung nicht möglich. Deshalb müssten die privaten und öffentlichen Investitionen in die Landwirtschaft und in die ländliche Entwicklung erhöht und Forschung und Innovationen in diesem Bereich gezielt gefördert werden.

Die Entwicklungsländer brauchen Unterstützung, damit sie technische und institutionelle Hemmnisse im Handelsbereich überwinden können. Besonderes Augenmerk sollte dabei den Kleinbauern gelten, damit sie einen besseren Zugang zu den Märkten erhalten - auf lokaler und regionaler, aber auch auf globaler Ebene. Internationale Initiativen und Organisationen sollten sich dafür einsetzen, dass die Agrarmärkte besser funktionieren und transparenter werden, Risiken mit Blick auf Preisschwankungen besser abgesichert und Missbrauch und Preismanipulationen unterbunden werden, so die Forderung der Ministerinnen und Minister.

Mit Blick auf die so genannte Doha-Entwicklungsrunde appellieren die Regierungsvertreter an die Verhandlungsführer der Welthandelsorganisation (WTO), sich für einen baldigen Abschluss einzusetzen, der faire und ausgewogene Regeln im Agrarbereich garantiert und die Bedürfnisse der ärmsten Länder berücksichtigt. Zum Abschluss des Gipfels übergab Ministerin Aigner das Kommuniqué an ihren französischen Amtskollegen Bruno Le Maire, der versprach, die Beschlüsse in die internationalen Verhandlungen einzubringen. Frankreich hat zurzeit den Vorsitz der G-20 - der Gruppe der zwanzig wichtigsten Industrie- und Schwellenländer - inne und hatte die Preisschwankungen der Agrarrohstoffe auf die Tagesordnung gesetzt.

Internationales Agrarministerpodium: Handel ist Teil der Lösung

Bereits am Vormittag hatte sich Ilse Aigner für mehr Transparenz an den internationalen Finanzmärkten und für deren stärkere Regulierung eingesetzt. "Wir müssen auf internationaler Ebene diskutieren, ob es die Möglichkeit gibt, hier mit Limits zu arbeiten - sowohl bei den gehandelten Mengen als auch bei den Preisen", forderte die Ministerin auf dem Internationalen Agrarministerpodium, zu dem rund 1.000 Vertreterinnen und Vertreter aus Politik und Wissenschaft, Wirtschaft und Zivilgesellschaft ins ICC Berlin gekommen waren. Gleichzeitig betonte Aigner, dass Landwirte auf Terminbörsen angewiesen seien, um sich gegen Risiken abzusichern.

Eröffnet wurde das Podium vom Vertreter des diesjährigen Partnerlandes der Internationalen Grünen Woche, Polens Agrarminister Marek Sawicki. Als Fundament für die weltweite Ernährungssicherheit nannte er eine diversifizierte Landwirtschaft, bei der regionale Produkte und lokale Märkte eine zentrale Rolle spielen. Ein liberalisierter Handel sei anzustreben, dürfe aber nicht zu Lasten eines fairen Wettbewerbs gehen. Märkte ohne Zugangsbeschränkungen befürwortet auch sein Berufskollege aus Marokko. Das nordafrikanische Land hat kürzlich ein Freihandelsabkommen mit der EU unterzeichnet. "Afrika kann ein wichtiger Produktionsstandort auch für Europa sein", sagte Aziz Akhannouch. Er erinnerte daran, dass Preisschwankungen besonders für Entwicklungsländer problematisch seien. "Es kostet Geld, Preisstabilität aufrechtzuerhalten. Und dieses Geld fehlt dann für andere wichtige Ziele, etwa Armutsbekämpfung und Bildung."

Kenias Agrarministerin Sally Kosgey berichtete, dass die Agrarwirtschaft in Kenia wie in den meisten afrikanischen Ländern ohne Subventionen auskommen muss. Dabei werde die Branche von Kleinbauern bestimmt, die kaum Zugang zu Betriebsmitteln, Versicherungen und Krediten haben. Um die Produktion zu sichern, sei es vor allem wichtig, die Landverteilung neu zu organisieren, so dass auch Frauen Zugang zu Land erhalten. Im Gegensatz zu anderen Ländern spielten ausländische Landaufkäufe in Kenia bisher keine Rolle, da hierfür nicht genug Flächen zur Verfügung stehen. Und: " Landwirtschaft in Kenia können die Kenianer am besten selbst betreiben!"

Frankreichs Landwirtschaftsminister Bruno Le Maire erläuterte die Gründe für die jüngsten Preissteigerungen an den Agrarmärkten: Neben Änderungen in den weltweiten Verzehrsgewohnheiten und dem großen Bedarf an Biokraftstoffen spiele vor allem die explodierende weltweite Nachfrage nach Lebensmitteln eine Rolle. Das Angebot hingegen wachse nur langsam, wozu der Rückgang der Agrarflächen durch Verstädterung, steigende Umweltauflagen und Ernteverluste infolge des Klimawandels beitragen. Eine größere Markttransparenz und Frühwarnsysteme könnten dafür sorgen, dass die internationalen Lebensmittelvorräte besser eingeschätzt werden, damit Panikreaktionen und daraus folgende Kursschwankungen ausbleiben. Für mehr internationale Koordination plädierte auch Mykola Prysjashnjuk: "Wir Agrarminister sollten die Weltbank auffordern, auf globaler Ebene eine Getreidebank aufzubauen", lautete der Vorschlag des ukrainischen Ministers für Agrarpolitik und Ernährung.

Der Generaldirektor der Welthandelsorganisation WTO, Pascal Lamy, forderte mehr Investitionen in den Agrarsektor, um die Produktion zu steigern, außerdem die Vorbereitung der Landwirtschaft auf den Klimawandel, ein Sicherheitssystem für Verbraucher und Landwirte sowie Nahrungsmittelhilfe für die Ärmsten. Dabei betonte er, dass Handel nicht das Problem, sondern Teil der Lösung sei. "Handel ist der Transmissionsriemen, der Angebot und Nachfrage zusammenbringt." Werde er allerdings unterbrochen - etwa durch die Einführung von Exportbeschränkungen -, komme es zu Turbulenzen auf den Märkten. Dabei erinnerte Lamy daran, dass freier Handel nicht gleichzusetzen sei mit einer völligen Deregulierung von Märkten. Regulierungen seien legitim, müssten jedoch für alle Marktbeteiligten gleichermaßen gelten.

Internationales Wirtschaftspodium: Partnerschaft macht stark

Wie wichtig Partnerschaften und Kooperationen bei der Sicherstellung der Nahrungsmittelversorgung sind, diskutierten die rund 250 Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Internationalen Wirtschaftspodiums, das unter dem Motto "Vom Landwirt zum Verbraucher: Wirtschaftsinitiativen für nachhaltige Wertschöpfungsketten" gemeinsam von der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft (DLG), der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE), der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ), dem Deutschen Bauernverband (DBV) und dem Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft (OA) durchgeführt wurde.

Ein praktisches Beispiel für eine erfolgreiche Kooperation lieferte Hubert Weber, der das europäische Kaffeegeschäft von Kraft Foods leitet. Das Unternehmen mit Sitz in Chicago ist mit einem Jahresumsatz von 48 Milliarden US-Dollar der zweitgrößte Nahrungsmittelproduzent weltweit. 1994 hat das Unternehmen zusammen mit der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) in einem Pilotprojekt Kaffeebauern in Peru ausgebildet. Den Kaffee, der mittlerweile auch die Zertifizierung der "Rainforest Alliance" besitzt, kauft das Unternehmen direkt von der Kleinbauern-Kooperative. Der Nutzen für beide Seiten: Die Bauern können durch die bessere Qualität und das Ausschalten des Zwischenhandels einen höheren Preis erzielen, Kraft Foods kann sich auf die Lieferung eines zertifizierten Produkts von gleichmäßiger Qualität verlassen. Mittlerweile wird der Kaffee aus nachhaltigem Anbau auch in rund 7.000 McDonald's-Filialen vertrieben. Bleibt die Frage, ob die Verbraucher ein solches Engagement honorieren. "Verbraucher wollen Produkte von Unternehmen, die soziale Verantwortung übernehmen", ist Weber überzeugt.

"Wertschöpfungsketten sind ein wichtiger Faktor für uns Landwirte. Allerdings beginnen sie nicht erst beim Anbau, sondern schon viel früher, etwa in der Pflanzenforschung oder der Düngemittelentwicklung", sagte Márcio Lopes de Freitas, Präsident der brasilianischen Genossenschaftsverbandes. Dass in den brasilianischen Genossenschaften Kleinbauern Seite an Seite mit Großbetrieben arbeiten, ist für ihn einer der Gründe für deren Stärke. "Die Kraft eines großen Erzeugers kann die Kleinbauern mit sich ziehen", so Lopes de Freitas.

Um langfristig angelegte Konzepte entwickeln und umsetzen zu können, wünscht sich Joachim Felker, Vorstandsmitglied der K+S Aktiengesellschaft, vor allem politische Partnerschaften auf regionaler und überregionaler Ebene. Sie seien entscheidend, um dauerhaft funktionierende Wertschöpfungsketten aufzubauen. Maßgeschneiderte Lösungen seien notwendig, um die globale Nahrungsmittelsicherheit voranzutreiben. "Viele Landwirte weltweit müssen erst noch lernen, wie sie ihre Pflanzen optimal düngen."

Für die landwirtschaftlichen Produzenten zeichnete Ken Ash, Direktor für Handel und Landwirtschaft bei der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), ein positives Szenario. Die Preise für Agrarprodukte liegen zurzeit um rund 40 Prozent höher als im Zeitraum 2007/2008, die Nachfrage nach Lebensmitteln aus den Schwellenländern werde künftig ebenso weiter steigen wie die Nachfrage nach Biotreibstoffen. Um diese Entwicklung zu nutzen, sollten die Landwirte in Produktionssteigerungen investieren. Innovationen und Ausbildung seien ebenso unerlässlich wie das Zurückfahren von Subventionen, um die Produktion in die richtige Richtung zu lenken. Eine Vorhersage, wie sich die Preise an den Rohwarenmärkten kurzfristig entwickeln werden, könne er allerdings nicht geben, musste der OECD-Vertreter die Erwartungen manch eines Teilnehmers enttäuschen.